125 Jahre QVO

Der Quartierverein Oberstrass wird dieses Jahr 125 Jahr alt, aber die Idee dahinter ist zeitlos. Es ist die Idee des sozialen Netzwerks. Und solche Netzwerke existierten schon lange bevor das Internet erfunden wurde. Man nannte sie: Vereine.

In der Gemeinde Oberstrass gab es einst viele davon, etwa den Männerchor, den Feldschützenverein oder den gemeinnützigen Frauenverein.

1897 dann, vier Jahre nachdem Oberstrass in Zürich eingemeindet und zu einem Stadtquartier geworden war, kam ein weiterer Verein dazu: der Quartierverein Oberstrass als Reaktion auf die verlorene Autonomie. Und während allmählich die Feldschützen und der Männerchor in Oberstrass verschwanden, gibt es den Quartierverein auch 125 Jahre später noch. Um das gesellschaftliche Leben zu pflegen und die Interessen all jener Menschen wahrzunehmen, für die ihr Quartier am Fuss der Zürichbergs mehr ist als eine Ansammlung von Häusern mit gleicher Postleitzahl – und die wollen, dass das so bleibt.

Das war im Wesentlichen schon die Idee alle jener Männer (nein, Frauen waren damals noch keine dabei), die sich laut handschriftlichem Protokoll im Januar 1897 im «Saale des Gasthofes zur Linde» einfanden, um «die Gründung eines Quartiervereins zu beschliessen». Am 14. April kam es dann zur ersten Sitzung, «Herr Landwirtschaftslehrer Fluck» war der erste Präsident des Vereins mit 80 Mitgliedern. Es ging um die Errichtung eines Krankenmobilienmagazins und – bereits an der ersten Sitzung schon – um Verkehrsfragen: Um die «Regulierung der Culmannstrasse», die laut Protokoll ein «lebhafteres Interesse» fand als das Magazin für die Krankenmobilien.

Der Quartierverein kümmerte sich in der Folge um die Probleme, welche das Quartier beschäftigten, auch um solche, die aus heutiger Sicht eher ungewöhnlich klingen. So erwähnt das Protokoll der Vorstandssitzung vom 13. Juni 1911 etwa Probleme mit der Prostitution. Vorstandsmitglied Pfarrer Spinner berichtet unter dem Traktandum «Sittlichkeitsfrage» von Erfolgen in der Huttenstrasse: «Abnahme der Dirnen in dieser Gegend.» Die Idee, mit Klauseln in den Mietverträgen die Vermietung an Prostituierte zu verbieten, lehnt der Vorstand jedoch ab – «um nicht einen bösen Schein auf unsere Gegend zu werfen».

Der QVO wirkte jedoch nicht nur repressiv, sondern auch fürsorgerisch, auch in der Sittlichkeitsfrage. 1913 unterstützte er mit 200 Franken jährlich ein Heim an der Winterthurerstrasse 138, wo «aus dem Spital entlassene oder aus Polizeigewahrsam kommende Töchter die erste Aufnahme finden so lange, bis sich für sie wieder ein Plätzchen des regelrechten Verdienstes öffnet.» 

Die Probleme änderten sich, aber der Quartierverein funktioniert bis heute nach dem Prinzip, dass Bürgerinnen und Bürger sich auf der untersten Stufe selbst organisieren und ihre Geschicke in die eigenen Hände nehmen. Der QVO dient darum auch als Anlaufstelle und als Bindeglied zwischen Bevölkerung und Stadtbehörden, etwa bei Baufragen oder bei Verkehrsprobleme. Beim Generationenprojekt der Neugestaltung des Uniquartiers spielte und spielt der QVO eine eminente Rolle.

Das Gesellige kam indes nie zu kurz. Das zeigt etwa schon die Broschüre zum 30-jährigen Jubiläum des QVO, das am 5. Februar 1927 in der Tonhalle Zürich stattfand. Der Anlass hatte laut Einladung auch ein Motto: «Wir sitzen so fröhlich beisammen.»

Feste und Aktivitäten sehen heute natürlich anders aus. Aber dass zu einem lebendigen Quartier wiederkehrende Anlässe und Rituale gehören, das ist noch immer gleich. Der Räbeliechtli-Umzug im November, der Oberstrass Määrt im Sommer, das ist der Kitt, der ein Quartier zusammenhält. Der Quartierverein initiiert überdies so unterschiedliche Dinge wie die Beleuchtung des Kirchenturms in der Adventszeit oder die beliebte Spazierkarte durchs Quartier (www.oberstrassweg.ch).  Diese Spazierkarte mit viel Wissenswertem zu Oberstrass gibt es übrigens zum 125-Jahr-Jubiläum des QVO neu auch als Gratis-App fürs Smartphone (auf Deutsch und Englisch). Ja, in Zeiten des Internets findet sich das soziale Netzwerk namens Quartierverein Oberstrass längst nicht mehr nur auf Strassen, Plätzen oder in Restaurantsälen, sondern eben auch unter: www.qvo.ch